Ausstellung „Arte A Full“ mit individuellen Antworten, aber wenig Erlös für Elendsviertel in Argentinien Für einen guten Zweck mutierte ein Stück Leipzig am Wochenende zum Slum. Der Verein Ser Humanos hatte von Freitag bis Sonntag ein südamerikanisches Elendsviertel in der großen Halle des Westwerks in der Karl-Heine-Straße aufgebaut. Doch Müll, verwanzte Matratzen und kaputte Wasserleitungen machten nur auf den Wegen zwischen den Hütten der nachgebauten Armensiedlung nachdenklich. Im Wesentlichen überließ man der Kunst das Wort. In den 20 nachempfundenen Behausungen einer sogenannten villa miseria, wie die Elendsviertel in Argentinien genannt werden, stellten Künstler aus Deutschland, Österreich,
Iran oder Bulgarien aus. Die Frage der Kuratoren hieß: „Kann zeitgenössische Kunst aktuelle gesellschaftliche Missstände aufzeigen?“ 150 Künstler gaben mit unterschiedlichsten Werken individuelle Antworten. 30 Arbeiten wurden für „Arte A Full“ ausgewählt. Da waren die verspielt ironischen Grafiken von Kerstin Stephan (47) zur naiven  Illusion eines rosaroten Diktators oder die Skulptur „Schandmaske“ von Bildhauerin Bahri Kim (27), die kritisiert, dass das Andere, Anormale in unserer aufgeklärten Welt noch immer negativ besetzt sei. Julia Gaisbacher (25) stellte überdimensionale Fingerabdrücke als moderne Porträts des 21. Jahrhunderts aus, und Arcadio Ciccarese (31) fragte in einer Videoinstallation nach Gemeinsamkeiten religiöser Fundamentalisten und Teilnehmern einer TV-Castingshow. Malerei, Fotographie, Audioinstallationen … Abschiebung, Kriegsbilder in den Medien, Schicksale von Heimkindern … Die Genres waren so breit gefächert wie die Themen, mit denen sich die Künstler einbrachten. Vieles funktionierte bei dem ambitionierten Kunstevent eines kleinen sozial engagierten Vereins: Die Besucher stürmten die Halle zwar nicht, aber sie kamen. „Es waren etwa 2000 Leute über die drei Tage verteilt“, schätzt Organisatorin Wiebke Scheffler. Vielen gefiel die Ausstellung, viele lobten das ehemalige Industriearmaturenwerk als exzellenten neuen Ort für frische, noch unetablierte Kunst. | | Vor allem junges Publikum tummelte sich bei den Vorträgen, Performances oder Konzerten des Rahmenprogramms, trotz einiger Pannen und unangenehm kalter Temperaturen. Der weltweit agierende kolumbianische Installationskünstler Oswaldo Macià sprach über politische Kunst, Wissenschaftler hielten Vorträge zu Sozialphilosophie und Städtebau, das Laptoporchester war aus Berlin angereist, und die Band Mowat sorgte für lateinamerikanische Rhythmen. Am Samstagabend stieg im Club des Westwerks die „Fiesta A Full“ und bei der Finissage am Sonntag konnten einzelne Ausstellungsobjekte ersteigert werden.
Was nicht funktionierte, war das, was Ser Humanos am meisten am Herz lag und eigentliches Ziel des Events war: nämlich Geld zu sammeln für den Bau eines Dorfes in Argentinien. Der im Westwerk künstlich nachempfundene Slum sollte auf Armut, Brutalität und Perspektivlosigkeit in den
Elendsvierteln von Südamerika aufmerksam machen und zum Spenden animieren. Doch nach dem ersten Tag blieben die aufgestellten Büchsen nahezu leer. Die meisten Besucher freuten sich über den freien Eintritt, die wenigsten zeigten sich informiert über den Benefizcharakter der Veranstaltung, die allerwenigsten zogen beim Verlassen der Halle einen Euro aus der Tasche. Deshalb waren die Veranstalter gezwungen, am zweiten und dritten Tag 2 Euro Eintritt zu verlangen, um wenigstens ihre Unkosten zu decken. Es bleibt dahingestellt, ob dies ein peinliches Fazit für die Leipziger Kunstinteressierten ist, oder ob Ser Humanos die Idee der Entwicklungshilfe lauter hätte proklamieren müssen. Eine Neuauflage von „Arte A Full“ soll es in jedem Fall geben. Eine zweite Chance für die Leipziger und für die Bewohner der villas miserias. |